Felix Bartsch über Digitalisierung, Sichtbarkeit und die Zukunft des Handwerks

Felix Bartsch ist Gründer der Growthmanufaktur in Dresden und hat in drei Jahren über 15.000 qualifizierte Anfragen für Handwerks- und Mittelstandsunternehmen generiert … ohne ein einziges Leadportal. Im Interview spricht er über den sinnvollen Einsatz von KI im Handwerk, warum Branding der einzige Ausweg aus dem Preiskampf ist und was sich in Deutschland grundlegend ändern muss, damit „Handwerk hat goldenen Boden“ wieder mehr als eine leere Phrase ist.

„Keine KI der Welt wird jemals eine maßgeschneiderte Holztreppe einbauen“ Wo siehst du trotzdem konkrete Einsatzmöglichkeiten von KI für Handwerksbetriebe?

Das wird sich auch in den nächsten zehn oder zwanzig Jahren nicht ändern. Die echte, menschliche Handwerksqualität bleibt unersetzbar. Aber KI wird das mächtigste Hilfsmittel unserer Zeit, um endlich das größte Monster im Handwerk zu besiegen: die Bürokratie.

Heute frisst der Papierkram oft mehr Zeit als die eigentliche Arbeit auf der Baustelle. Genau hier müssen Betriebe ansetzen. KI-Systeme können interne Prozesse massiv vereinfachen – von der automatisierten Erstellung von Angeboten über das intelligente Matching von Materiallieferungen bis hin zur fotorealistischen Projektvorstellung des Endprodukts für den Kunden.

Ein klares Veto lege ich allerdings beim Kundenservice ein: Ich rate meinen Kunden vehement davon ab, KI-Telefonassistenten oder automatisierte Sprachroboter für die Annahme von Kundenanrufen zu nutzen. Niemand will beim lokalen Handwerker diese frustrierenden „Vodafone- oder Telekom-Vibes“ erleben, bei denen man in einer Dauerschleife festhängt. Im Handwerk zählt der persönliche Draht. Die KI sollte im Hintergrund die Verwaltung optimieren, aber die Schnittstelle zum Kunden muss menschlich, nahbar und verlässlich bleiben.

Du hast in drei Jahren über 15.000 Anfragen ohne Leadportale generiert. Was ist dein wichtigstes Learning dabei?

Das mit Abstand größte Learning lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Wer heute keine bezahlte Werbung auf den Meta-Plattformen schaltet, verliert im rasanten Tempo Marktanteile.

Der Markt hat sich fundamental verändert. Früher reichte Mundpropaganda, heute musst du proaktiv und digital dort sichtbar sein, wo sich deine Zielgruppe täglich aufhält. Viele Betriebe machen den Fehler und kaufen teure, minderwertige Kontakte über bekannte Leadportale ein. Damit machen sie sich abhängig und stehen in direkter Konkurrenz zu fünf anderen Betrieben, die denselben Lead bekommen.

Unser Erfolg zeigt: Der eigene, direkte Weg über Social-Media-Anzeigen ist der einzig nachhaltige. Es geht darum, eine unübersehbare Omnipräsenz in der eigenen Region aufzubauen. Wenn du für deine spezifische Zielgruppe kontinuierlich sichtbar bist, kommen die Kunden von sich aus zu dir – und zwar exklusiv.

„Geiz ist geil“-Kunden im Handwerk – wie löst man sich dauerhaft aus diesem Preiskampf heraus?

Der einzige Ausweg aus der Vergleichbarkeitsfalle heißt Branding. Das Wort „Marke“ wird oft nur mit internationalen Großkonzernen verbunden, aber das ist ein Trugschluss: Jeder Handwerksbetrieb kann und sollte eine eigene, starke Marke sein.

Am Ende entscheidet die Wahrnehmung auf dem Markt darüber, welche Preise du durchsetzen kannst. Du musst dir die Frage stellen: Wie wirkst du auf deine Zielgruppe? Trittst du online auf wie der nächste, austauschbare Solo-Selbstständige mit einer veralteten Web-Visitenkarte – oder präsentierst du dich als repräsentatives, professionelles Unternehmen?

Ein riesiger Hebel ist es, die eigene Arbeit auf den sozialen Medien sichtbar zu machen. Die meisten Laien können sich schlichtweg nicht vorstellen, wie viel Fachwissen, Präzision und Schweiß in einem Projekt stecken. Wenn sie das Ergebnis nicht sehen und den Weg dorthin nicht verstehen, fehlt ihnen der Anhaltspunkt dafür, warum Handwerk seinen Preis hat. Wer Premium-Qualität ausstrahlt, zieht Kunden an, die bereit sind, dafür auch adäquat zu bezahlen.

Du warst selbst Handwerker, bist jetzt auf der Dienstleisterseite. Was siehst du heute, was du vorher nicht gesehen hast?

Zunächst eine kleine, aber wichtige Korrektur: Wir verstehen uns nicht als Berater, sondern als echte Dienstleister. Wir geben nicht nur kluge Ratschläge, sondern setzen die Dinge aktiv für die Betriebe um.

Aus dieser Perspektive sehe ich heute eine Sache ganz deutlich: die enorme Unwissenheit in vielen Unternehmen darüber, was digital und prozessual überhaupt alles möglich ist.

Viele Handwerksmeister sind fachlich absolute Genies, aber sie sind so tief in ihrem operativen Tagesgeschäft gefangen, dass ihnen schlichtweg die Zeit fehlt, sich mit modernen Marketing- und Automatisierungsmethoden auseinanderzusetzen. Sie wissen oft gar nicht, wie leicht sich Kundenströme digital lenken lassen oder wie viel Zeit sie durch die richtigen Tools einsparen könnten. Das ist der größte Augenöffner für mich gewesen: zu sehen, wie viel ungenutztes Potenzial in Betrieben schlummert, nur weil das Wissen über die Werkzeuge der digitalen Welt fehlt.

Das Handwerk kämpft um Nachwuchs. Kann besseres Marketing auch die Ausbildungssituation verbessern?

Definitiv, zu 100 Prozent! Die Zeiten, in denen eine kleine Anzeige in der Lokalzeitung oder ein Schild am Werkstor reichten, um Azubis zu finden, sind lange vorbei.

Auch beim Recruiting gilt: Handwerksbetriebe müssen da aktiv sein, wo die Jugend von heute ihre Zeit verbringt – und das ist das Smartphone. Wir müssen aufhören, das Handwerk unter Wert zu verkaufen. Gutes Marketing räumt mit den alten Klischees auf. Wir müssen der Gen Z zeigen, dass Handwerk heute viel mehr ist als nur „dreckige Hände“ und harte Knochenarbeit.

Es geht darum, moderne Technologie zu nutzen und am Ende des Tages etwas Reales, Bleibendes zu erschaffen, auf das man verdammt stolz sein kann. Wenn Betriebe authentisch zeigen, wie cool der Teamspirit ist, wie modern die Maschinen sind und welchen Sinn diese Arbeit stiftet – dann wird die Ausbildungssituation schlagartig besser.

Was muss sich in der Wahrnehmung des Handwerks in Deutschland grundlegend ändern?

Das Handwerk darf sich nicht länger verstecken. Es muss raus aus der Defensive, sich selbstbewusst zeigen und maximal präsent sein.

Viel zu lange wurde jungen Menschen in Deutschland eingeredet, dass nur ein akademischer Titel zu Erfolg und gesellschaftlicher Anerkennung führt. Das ist fatal. Wir müssen wieder ein kollektives Bewusstsein dafür schaffen, dass Handwerker die wahren Macher unserer Wirtschaft sind. Ob Energiewende, Wohnungsbau oder Infrastruktur – ohne das Handwerk bewegt sich in diesem Land absolut gar nichts.

Damit der „goldene Boden“ wieder Realität wird, müssen die Betriebe selbst mit stolzer Brust vorangehen. Wenn wir unsere Leistung, unsere Modernität und unseren wirtschaftlichen Erfolg selbstbewusst nach außen tragen, wird sich auch die gesellschaftliche Wahrnehmung grundlegend drehen. Wir müssen das Handwerk wieder sexy machen – und das gelingt nur durch Sichtbarkeit.

Felix Bartsch ist Gründer der Growthmanufaktur in Dresden. Er unterstützt Handwerks- und Mittelstandsunternehmen dabei, durch datengetriebene Meta-Werbung und digitale Prozessoptimierung nachhaltig mehr Kunden und Mitarbeiter zu gewinnen.