Faktenbasierte Designentscheidungen klingen zunächst nach einer Selbstverständlichkeit, sind es nach Erfahrung von Florian Stolzenberger in der Praxis aber selten. Stolzenberger ist Diplom-Industriedesigner VDI und Entwicklungsleiter der Steinbock UG (haftungsbeschränkt) & Co. KG in Erlangen und hat ein ganzes Buch der Frage gewidmet, wie sich Meinen, Glauben und Wissen im unternehmerischen Alltag sauber trennen lassen. Im folgenden Interview erklärt er, warum ein gut herausgearbeiteter Standpunkt eine wesentlich verlässlichere Grundlage für Entscheidungen ist als eine willkürliche, und zeigt an zwei konkreten Projekten aus Ladenbau und Maschinenbau, wie diese Denkweise Einsparungen von 800.000 beziehungsweise 350.000 Euro ermöglicht hat. Ein roter Faden zieht sich durch seine Antworten: Wer persönlichen Geschmack von sachlicher Richtigkeit trennt, trifft nicht nur bessere, sondern vor allem besser planbare Entscheidungen für sein Unternehmen.
Warum ein Buch über die Trennung von Meinen, Glauben und Wissen
Den Ausgangspunkt für sein Buch beschreibt Stolzenberger als eine lebenslange Faszination für Denkprozesse, Logik und schlüssige Argumente. „Ich habe gelernt, dass nur ein gut herausgearbeiteter, man kann auch sagen: ein gut herausgebildeter, also gut gebildeter Standpunkt belastbar ist“, erklärt er. Für ihn als Designer folgt daraus eine unmittelbar wirtschaftliche Konsequenz: Eine konsequent entwickelte, prozesssichere Entscheidung sei eine wesentlich bessere und vor allem besser planbare Voraussetzung für den Erfolg eines Produktes und eines Unternehmens als eine willkürliche Entscheidung. Aus dieser Überzeugung heraus ist nach seinen Worten „ein Buch mit vielen sehr abwechslungsreichen Geschichten“ entstanden.
Praxisbeispiel 1: Das kanadische Regalsystem
Wie faktenbasierte Designentscheidungen konkret Geld sparen, zeigt Stolzenberger an einem Projekt für einen kanadischen Betreiber großer Kaufhausketten. Es ging um den Ladenbau, konkret um ein Regalsystem, bei dem Entwickler für jeden einzelnen Regalboden 26 Einzelteile konstruiert hatten, um ihn zwischen den Stützen zu halten. „Ganz kleines Einmaleins: 130 Einzelteile für ein Regal mit 5 Böden“, rechnet Stolzenberger vor. Bei hundert Regalen pro Filiale und weiteren geplanten Standorten summierte sich dieser Konstruktionsfehler zu einem erheblichen wirtschaftlichen Problem.
Die Vorgabe des Kunden war eng gefasst: Verbesserungsvorschläge waren erlaubt, solange das äußere Erscheinungsbild erhalten blieb. Innerhalb von drei Tagen entwickelte Stolzenberger trotzdem einen eigenen Entwurf, der zwar optisch nicht identisch mit der Vorversion war, aber nur noch zwei statt 26 Teile für dieselbe Aufgabe benötigte. Der Invest für den gesamten Ladenbau sank dadurch von 2,7 auf 1,9 Millionen Euro. „Es war dann für den Kunden eine sehr leichte Entscheidung“, fasst er zusammen.
Praxisbeispiel 2: Die Schwerlast-Kassette im Maschinenbau
Das zweite Beispiel stammt aus einem deutschen Maschinenbauunternehmen, dessen Geschäftsführer Stolzenberger um einen prüfenden Blick von außen bat. Ein Konstrukteur hatte eine jeweils kundenspezifische Schwerlast-Kassette seit 35 Jahren nach demselben Prinzip gebaut, ohne dass diese Vorgehensweise je grundsätzlich infrage gestellt worden wäre. Auch hier reichten Stolzenberger drei Tage, um mit derselben Leitfrage wie beim kanadischen Projekt, „Das geht einfacher“, eine deutlich schlankere Lösung zu entwickeln.
| Kennzahl | Effekt der Neukonstruktion |
|---|---|
| Eingesparter Stahl | 140 Tonnen |
| Eingesparte Schweißnähte | über 100.000 |
| Eingesparte Fertigungszeit | drei Personenjahre |
| Wirtschaftliche Einsparung | 350.000 Euro, allein in diesem Projekt |
Beide Projekte führt Stolzenberger auf dieselbe Ursache zurück: einen Tunnelblick, der über Jahre oder Jahrzehnte entsteht, wenn das „Fenster zur Welt“ geschlossen bleibt. „Wenn man Jahre oder gar jahrzehntelang das Fenster zur Welt geschlossen hält, kommt kein Licht und keine frische Luft mehr durch, und man ist nur noch im eigenen Mief, ohne es zu merken“, beschreibt er den Effekt. In beiden Beispielen habe die Lösung im neugierigen Blick von außen gelegen.
Wo Unternehmen an der Trennung von Meinen und Wissen scheitern
Auf die Frage, wo Unternehmen am häufigsten daran scheitern, persönliches Wollen von sachlicher Richtigkeit zu trennen, verweist Stolzenberger auf ein sprachliches Muster, das er im Berufsalltag immer wieder beobachtet. Jemand steht vor einem Schaufenster, zeigt auf etwas und sagt: „Schau mal, das ist schön.“ Korrekt müsste es nach seiner Einschätzung heißen: „Das gefällt mir.“ Der erste Satz behauptet eine Tatsache, der zweite ist erkennbar eine Meinungsäußerung.
Übertragen auf die Beratungspraxis skizziert er folgende Szene: Ein Geschäftsführer reagiert auf einen Vorschlag mit „Das gefällt mir nicht.“ Die konsequente Antwort darauf laute: „Wir sitzen auch nicht zusammen, um Ihren oder meinen Geschmack zu treffen, sondern die richtige Entscheidung für das Unternehmen zu treffen.“ Der bereits erwähnte Tunnelblick, oft in der Formel „Das haben wir schon immer so gemacht“ verpackt, und die Schwierigkeit, persönliche Vorlieben hintanzustellen, schwächten ein Unternehmen im Wettbewerb spürbar.
Bemerkenswert an dieser Beobachtung ist, dass sie nicht auf mangelndes Fachwissen zurückgeht. Sowohl der Konstrukteur der Schwerlast-Kassette als auch die Entwickler des kanadischen Regalsystems verfügten über jahrzehntelange Erfahrung in ihrem jeweiligen Fach. Das eigentliche Problem lag nach Stolzenbergers Einschätzung nicht im fehlenden Können, sondern darin, dass eine einmal getroffene, ursprünglich vielleicht sogar gut begründete Entscheidung nie wieder grundsätzlich hinterfragt wurde, weil sie über Jahre funktioniert hat und damit unbemerkt zur reinen Gewohnheit wurde.
„Wir sitzen auch nicht zusammen, um Ihren oder meinen Geschmack zu treffen, sondern die richtige Entscheidung für das Unternehmen zu treffen.“ (Florian Stolzenberger, Entwicklungsleiter Steinbock Design)
Design als Wirtschaftsfaktor, nicht Geschmackssache
Als Designer bewegt sich Stolzenberger an zahlreichen Schnittstellen zu anderen Disziplinen, und gerade dort begegnet ihm besonders häufig die Annahme, Design sei letztlich Geschmackssache. Er hält dagegen: Im Englischen heiße ein Flugzeugkonstrukteur „Aircraft Designer“, und niemand käme auf die Idee, dass Gewicht, Stabilität, Aerodynamik und Wirtschaftlichkeit Geschmackssachen seien. In Deutschland sei die Berufsbezeichnung „Designer“ anders als viele andere Titel nicht geschützt, wodurch sich in vielen Köpfen unterschiedlichste, teils beliebige Vorstellungen davon festgesetzt hätten, was Design eigentlich sei.
Selbstverständlich müssten Konstruktionen auch gut aussehen, betont Stolzenberger. Doch die Zufriedenheit der Menschen, die ein Produkt besitzen und benutzen, die Wertschöpfung für den Auftraggeber und eine einfache Entsorgung seien ebenso Funktionen, die gutes Design erfüllen müsse. Selbst bei der stark vereinfachten Schwerlast-Kassette habe das neue Design am Ende besser ausgesehen als die Vorversion. „Design schafft Wert“, fasst er den Leitsatz seines Unternehmens zusammen.
Rat an Führungskräfte: Wenn Bauchentscheidungen bremsen
Führungskräften, die spüren, dass Bauchentscheidungen ihr Unternehmen bremsen, rät Stolzenberger zunächst pragmatisch, sich beraten zu lassen. Inhaltlich verdeutlicht er seinen Ansatz mit einem Vergleich aus dem Alltag: Wird er nach einem guten italienischen Restaurant gefragt, stellt sich für ihn die Frage, ob er den objektiv besten Italiener der Stadt empfiehlt oder nur denjenigen, bei dem es ihm persönlich am besten schmeckt. Die entscheidende Frage laute dabei stets: Womit tut man dem Fragenden, übertragen auf das Unternehmen also dem Kunden, den größten Gefallen.
Dieselbe Logik überträgt er auf unternehmerische Entscheidungen: Nicht die persönliche Präferenz der Entscheidenden sollte den Ausschlag geben, sondern eine nachvollziehbare, faktenbasierte Abwägung dessen, was dem Unternehmen tatsächlich nutzt. Faktenbasierte Designentscheidungen bedeuten in diesem Sinne nicht, den eigenen Geschmack zu unterdrücken, sondern ihn bewusst von der eigentlichen Entscheidung zu trennen.
Typische Stolperfallen bei Design- und Konstruktionsentscheidungen
- Vermischung von Tatsache und Meinung: Aussagen wie „Das ist schön“ werden als objektive Tatsache behandelt, obwohl es sich um eine persönliche Präferenz handelt.
- Unkritische Fortführung von Gewohntem: Eine einmal getroffene Konstruktionsentscheidung wird über Jahre nicht mehr hinterfragt, nur weil sie bislang funktioniert hat.
- Enge Vorgaben ohne Prüfung der Grundannahme: Auftraggeber schränken den Lösungsraum durch enge Vorgaben ein, ohne zu prüfen, ob die zugrunde liegende Annahme überhaupt noch zeitgemäß ist.
- Fehlender Blick von außen: Interne Teams entwickeln über Jahre einen blinden Fleck für offensichtliche Vereinfachungspotenziale, weil ihnen die Distanz zum eigenen Produkt fehlt.
- Design als reine Ästhetikfrage behandelt: Wirtschaftliche Funktionen von Design wie Wertschöpfung, Nutzerzufriedenheit oder Entsorgbarkeit werden bei Entscheidungen übersehen.
Checkliste: Faktenbasierte Designentscheidungen im eigenen Unternehmen prüfen
- Wird bei strittigen Entscheidungen sprachlich zwischen Tatsachenaussagen und persönlichen Präferenzen unterschieden?
- Gibt es Konstruktionen oder Prozesse, die seit vielen Jahren unverändert bestehen, ohne dass ihre Grundlage zuletzt geprüft wurde?
- Wird bei Entscheidungen regelmäßig gefragt, wem eine Lösung tatsächlich am meisten nützt, statt welche Lösung persönlich am besten gefällt?
- Erhalten interne Teams gelegentlich einen strukturierten Blick von außen, etwa durch externe Berater oder fachfremde Kolleginnen und Kollegen?
- Wird Design im Unternehmen als Wirtschaftsfaktor mit messbarem Wertbeitrag verstanden, nicht nur als gestalterische Zusatzleistung?
Vielseitigkeit als Antrieb
Auf die Frage, woher seine Vielseitigkeit rührt, jederzeit zu fast jedem Thema sprechen zu können, verweist Stolzenberger auf schlichte Wissbegier. Mit einem Augenzwinkern beschreibt er sich selbst gerne als „Designer geworden, weil ich im Grunde faul bin“, was er im selben Atemzug als Quatsch entlarvt: Er sei zwar überzeugt, dass sich fast alles vereinfachen und verbessern lasse, habe aber auch große Freude daran, zwölf Stunden am Tag an der besten Lösung zu arbeiten.
Das Warum sei die Urfrage von Kindern und der Philosophie gleichermaßen. Die Prozesse von Ideen, Logik, Konsequenz und Entscheidung seien auf sehr vielen Feldern gleich, und Design habe so viele Schnittstellen zu anderen Berufen und Themen, dass sich vieles hin und her übertragen lasse. „Mein Beruf ist der unlangweiligste, den ich kenne“, bringt er es abschließend auf den Punkt.
Praxisimpuls: Der Drei-Tage-Test für eingefahrene Konstruktionen
Beide von Stolzenberger geschilderten Projekte haben eine Gemeinsamkeit, die sich auch außerhalb von Design- und Konstruktionsprojekten auf andere Entscheidungsfelder übertragen lässt: Der entscheidende Impuls kam jeweils nicht aus zusätzlichem Fachwissen, sondern aus der bewussten Entscheidung, eine bestehende Lösung noch einmal von Grund auf infrage zu stellen.
- Eine bestehende Lösung, einen Prozess oder eine Konstruktion auswählen, die seit vielen Jahren unverändert besteht und als selbstverständlich gilt.
- Konsequent zwischen Tatsachenaussagen und persönlichen Gewohnheiten trennen: Was ist tatsächlich funktional notwendig, was ist nur „schon immer so gemacht“?
- Eine fachfremde oder externe Person bitten, die Lösung mit frischem Blick zu bewerten, ohne die historisch gewachsenen Vorgaben zu kennen.
- Prüfen, ob sich mit deutlich weniger Aufwand, weniger Material oder weniger Einzelteilen dieselbe Funktion erreichen lässt.
Nach Stolzenbergers Erfahrung reicht ein kurzer, fokussierter Zeitraum von wenigen Tagen oft aus, um an genau dieser Stelle eine wirtschaftlich relevante Verbesserung zu finden, wie beide geschilderten Projekte zeigen. Entscheidend sei dabei weniger die investierte Zeit als die Bereitschaft, eine über Jahre gewachsene Lösung tatsächlich noch einmal grundlegend infrage zu stellen.
Über Florian Stolzenberger und Steinbock Design
Florian Stolzenberger ist Diplom-Industriedesigner VDI und Entwicklungsleiter (Head of Product Development) der Steinbock UG (haftungsbeschränkt) & Co. KG mit Sitz in Erlangen. Das Unternehmen begleitet Auftraggeber aus Ladenbau, Maschinenbau und weiteren Branchen bei Produktentwicklung und Konstruktion mit dem erklärten Anspruch, dass gutes Design messbaren wirtschaftlichen Wert schafft, statt sich in Geschmacksfragen zu erschöpfen. Geschäftsführerin des Unternehmens ist Anja Stolzenberger.
Was Unternehmer:innen aus dem Interview mitnehmen sollten
Beide Praxisbeispiele Stolzenbergers zeigen denselben Mechanismus: Eingefahrene Konstruktionen und Entscheidungen werden über Jahre nicht mehr hinterfragt, weil sie einmal funktioniert haben, nicht weil sie tatsächlich noch die beste Lösung darstellen. Faktenbasierte Designentscheidungen setzen an genau dieser Stelle an, indem sie persönliche Vorlieben und Gewohnheiten bewusst von der Frage trennen, was für das Unternehmen tatsächlich die richtige Entscheidung ist. Wer diesen Unterschied im eigenen Unternehmen konsequent macht, gewinnt nach Stolzenbergers Erfahrung nicht nur bessere, sondern vor allem besser planbare Ergebnisse.
FAQ
Was versteht Florian Stolzenberger unter faktenbasierten Designentscheidungen?
Entscheidungen, die auf einem klar herausgearbeiteten, belastbaren Standpunkt beruhen, statt auf persönlichem Geschmack oder Gewohnheit, wie im Beispiel „Das ist schön“ versus „Das gefällt mir“.
Wie kam es zu der Einsparung von 800.000 Euro beim kanadischen Kunden?
Ein Regalsystem mit 26 Einzelteilen pro Regalboden wurde innerhalb von drei Tagen auf zwei Teile reduziert, wodurch der Invest für den Ladenbau von 2,7 auf 1,9 Millionen Euro sank.
Was war die Ursache für die Einsparung von 350.000 Euro im Maschinenbau-Projekt?
Eine seit 35 Jahren unverändert konstruierte Schwerlast-Kassette wurde neu entwickelt und sparte allein in diesem Projekt 140 Tonnen Stahl, über 100.000 Schweißnähte und drei Personenjahre Fertigungszeit.
Warum bezeichnet Stolzenberger Design nicht als Geschmackssache?
Weil Design ebenso wie Gewicht, Stabilität oder Aerodynamik bei einem Flugzeug messbare Funktionen erfüllen muss, etwa Wertschöpfung, Nutzerzufriedenheit und Entsorgbarkeit, statt reiner Ästhetik zu folgen.
Was rät er Führungskräften, die an Bauchentscheidungen festhalten?
Sich beraten zu lassen und bei jeder Entscheidung zu prüfen, wem eine Wahl tatsächlich am meisten nützt, statt der eigenen persönlichen Präferenz zu folgen.
Hinweis: Dieser Beitrag ist ein redaktionelles Interview im Rahmen unseres Formats für Unternehmer:innen und Expert:innen aus dem Netzwerk der Redaktion. Er gibt die persönlichen Einschätzungen des Interviewpartners wieder und stellt keine allgemeingültige Unternehmens- oder Rechtsberatung dar.
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