Ungewissheit im Unternehmertum zeigt sich selten dort, wo man sie zuerst vermutet. Nicht die Bilanz, sondern der Umgang mit dem Unplanbaren entscheidet nach Erfahrung von Mey-Linh Banh oft darüber, ob Unternehmer in Krisenzeiten handlungsfähig bleiben oder ins Stocken geraten. Die Betriebswirtin aus Ulm verbindet in ihrer Beratungspraxis betriebswirtschaftliches Handwerk mit philosophischen und theologischen Denkansätzen und hilft Unternehmern dabei, in unsicheren Phasen wieder klar zu sehen, statt vorschnell nach Antworten zu greifen. Im Interview erklärt sie, wie das in der Praxis konkret aussieht, woran sie das Ungewisse als eigentliches Problem hinter scheinbar anderen Krisen erkennt und warum Erholung für sie ein ebenso zentraler Baustein unternehmerischer Klarheit ist wie eine saubere betriebswirtschaftliche Analyse.
Mey-Linh Banh ist staatlich anerkannte Betriebswirtin mit Schwerpunkt Unternehmensführung von Klein- und Mittelstandsbetrieben und seit Dezember 2022 freiberuflich unter dem Namen „Mey-Linh, Konzept mit Sinn! Ganzheitliche Unternehmensprävention“ in Ulm tätig. Ihr Leistungsspektrum reicht von Managementberatung und Veränderungsmanagement über Führungskräfteentwicklung bis zu Coaching zur beruflichen Entwicklung, immer mit dem Anspruch, betriebswirtschaftliche Strukturarbeit und die persönliche Verfassung der Unternehmer zusammenzudenken.
Warum Ungewissheit im Unternehmertum zunehmend zum Beratungsthema wird
Klassische Unternehmensberatung im Mittelstand konzentriert sich traditionell auf Zahlen, Prozesse und Organisationsstrukturen. Fragen nach der persönlichen Belastbarkeit der Führungskraft oder nach philosophischen Grundhaltungen gehören selten zum Standardrepertoire. Genau an dieser Lücke setzt Banhs Arbeit an. Ihre Ausgangsthese: Diese Form der unternehmerischen Unsicherheit lässt sich nicht allein mit Kennzahlen oder Prozessoptimierung auflösen, weil sie zunächst ein inneres Erleben ist, bevor sie sich in konkreten betrieblichen Problemen niederschlägt. Wer nur an der Oberfläche, etwa an Kündigungszahlen oder Umsatzrückgängen, ansetzt, behandelt aus ihrer Sicht häufig nur Symptome, nicht die eigentliche Ursache.
| Aspekt | Klassische Prozessberatung | Banhs ganzheitlicher Ansatz |
|---|---|---|
| Ausgangspunkt | Kennzahlen, Abläufe, Organigramm | Geistiger, körperlicher und seelischer Zustand der Führungskraft |
| Umgang mit Konflikten | Klare Regeln und Eskalationsstufen | Gespräch, das beiden Seiten Raum zur Selbsterkenntnis lässt |
| Reaktion auf Unsicherheit | Mehr Kontrolle, mehr Reporting | Struktur wiederherstellen, Erholung bewusst einplanen |
| Rolle der Beraterin | Lösungen und Empfehlungen liefern | Spiegeln, begleiten, Raum lassen |
Philosophische und theologische Grundlagen in der Beratungspraxis
Auf die Frage, wie sich philosophische und theologische Grundlagen konkret in ihrer Beratungsarbeit niederschlagen, beschreibt Banh zunächst die Gesprächssituation selbst: „Wenn ich mit Unternehmern arbeite, sind sie meistens sehr offen und frei heraus. Das ehrliche Gespräch hilft mir dabei zu sehen und hineinzufühlen, was den Geist belastet, wo ich ansetzen kann und welche Impulse ich im Dialog mitnehmen darf.“ Für sie hängt die Qualität der Zusammenarbeit eng mit dem Gesamtzustand des Menschen zusammen. „Je gesünder der Mensch ist, und dazu zählen der geistige Zustand, der körperliche Zustand, aber auch die seelische Verfassung, desto leichter ist eine gute Zusammenarbeit umsetzbar. Die Kosten bleiben überschaubar, und Schwierigkeiten im Unternehmen lassen sich leicht lesen“, sagt sie.
Ein wesentlicher Baustein ihrer Methode ist dabei die bewusste Zurückhaltung als Beraterin. „Klar ist dabei auch der Fokus: Jeder bringt im Gespräch sein eigenes Repertoire mit. Um das eigene Wissen im Unternehmen wirklich zu vermehren, ist es wichtig, dem anderen seinen Raum zu lassen“, erklärt Banh. Statt fertige Lösungen vorzugeben, geht es ihr darum, dass der Unternehmer sich im Gespräch selbst erkennt. „Mir ist es wichtig, dass mein Gegenüber sich im Gespräch selbst erkennt, dass seine eigenen Gedanken und Handlungen ganz authentisch zum Tragen kommen“, so ihr Anspruch an den eigenen Beratungsstil.
Woran sich Ungewissheit im Unternehmertum erkennen lässt
Diesen Zustand beschreibt Banh als einen typischen, aber oft übersehenen Stolperstein. Woran sie erkennt, dass genau das bei einem Klienten gerade das eigentliche Problem ist, erklärt sie über ein wiederkehrendes Muster: „Aufgrund der Erfahrungen, die Unternehmer immer wieder neu gewinnen, gibt es oft eine paradoxe Haltung: Eigentlich ist da ein freies, selbstbewusstes Dasein mit viel Selbstannahme. Das Selbstvertrauen ist da.“ Erst wenn von außen Ereignisse hinzukommen, die sich nicht steuern lassen, zeige sich die eigentliche Verunsicherung. „Doch wenn dann Kündigungswellen, private Themen, die ins Unternehmen einfließen, oder Stagnation dazwischenkommen, bricht das Ungewisse aus. Man merkt, wie das Fundament ins Wanken gerät“, beschreibt sie diesen Kipppunkt.
Je gesünder der Mensch ist, und dazu zählen der geistige, der körperliche und der seelische Zustand, desto leichter lassen sich Schwierigkeiten im Unternehmen lesen.
Zwischenmenschliche Missverständnisse als häufigste Praxis-Situation
Von den möglichen Auslösern, Kündigungswellen, privaten Themen, die ins Unternehmen einfließen, und Stagnation, begegnet Banh eine Kategorie in ihrer Praxis besonders häufig: zwischenmenschliche Missverständnisse. „Sie wirken zu Beginn recht klein, rufen dann aber aufgrund von Meinungsverschiedenheiten und unterschiedlichen Denk- und Handlungsfolgen eine Eskalation hervor“, beobachtet sie. Besonders aufschlussreich findet sie dabei ein wiederkehrendes Verhaltensmuster auf beiden Seiten eines Konflikts. „Das Spannende ist: Meist verharren beide Parteien in einer starren Haltung, weil sie verbissen nach der Schuldfrage suchen, fast schon wie in einem festen Glaubenssatz, statt nach vorne zu blicken“, so Banh. Genau an diesem Punkt setzt ihre Arbeit an, indem sie beiden Seiten hilft, aus der reinen Schuldzuweisung wieder in ein lösungsorientiertes Gespräch zu finden.
Struktur statt Aktionismus: Wie Klarheit in unsicheren Zeiten entsteht
Auf die Frage, wie sie Unternehmern dabei hilft, sich in unsicheren Zeiten die richtigen Fragen zu stellen, statt vorschnell nach Antworten zu suchen, beschreibt Banh einen bewusst strukturierten Ansatz. „Ich hole sie aus dem Zustand des permanenten Funktionierens heraus. In unsicheren Zeiten wird oft versucht, Probleme durch noch mehr Arbeit zu lösen“, sagt sie. Ihrer Erfahrung nach führt genau dieser Reflex in die falsche Richtung. „Ein zentraler Punkt in meiner Arbeit ist es, die Struktur wiederherzustellen: den Schlafrhythmus bewusst herunterzubrechen und feste Erholungsphasen nicht auszulassen. Ohne Regeneration blockieren der Geist und die Entscheidungsfähigkeit“, erklärt sie.
Dazu gehört bei ihr auch ein sehr praktischer, operativer Baustein. „Dazu gehört bei mir auch ein ganz praktischer Schritt: Ich sehe im Unternehmen nach dem Rechten, bis die Führungskraft wieder voll belastbar ist. Durch unseren kontinuierlichen Austausch verliert der Unternehmer nie ganz den Bezug zum Betrieb, gewinnt aber die nötige Sicherheit“, beschreibt Banh diesen Teil ihrer Begleitung. Für die betroffenen Unternehmer bedeutet das vor allem eines: „Er weiß, dass ihm jemand zugehört hat, dass das Unternehmen im Auge behalten wird und ein gutes Arbeitsklima gewahrt bleibt. In diesem ruhigen Rahmen kann sich der Druck legen, sodass die anstehenden Herausforderungen bald wieder mit voller Klarheit angegangen werden können.“
Warum Erholung für Banh ein betriebswirtschaftliches Thema ist
Was in vielen klassischen Beratungsansätzen als reines Wellness-Thema abgetan wird, ordnet Banh bewusst als betriebswirtschaftlichen Faktor ein. Ihre Argumentation ist dabei nüchtern: Wer als Führungskraft dauerhaft ohne ausreichende Erholung arbeitet, trifft Entscheidungen mit einer eingeschränkten Urteilsfähigkeit, was sich direkt auf Personalentscheidungen, Vertragsverhandlungen und die Kommunikation im Team auswirkt. Ungewissheit im Unternehmertum wird dadurch nicht kleiner, sondern größer, weil unter Erschöpfung genau die Klarheit fehlt, die für gute Entscheidungen nötig wäre. Ihre Beratungspraxis setzt deshalb bewusst an zwei Stellen gleichzeitig an: an der operativen Struktur des Unternehmens und an der Erholungsfähigkeit der Person, die es führt.
Dieser doppelte Ansatz erklärt auch, warum sie sich selbst nicht als reine Unternehmensberaterin im klassischen Sinne versteht. Themen wie Managementberatung, Veränderungsmanagement und Führungskräfteentwicklung, die auf ihrem beruflichen Profil stehen, verknüpft sie konsequent mit der Frage, wie belastbar die Menschen sind, die diese Strukturen tragen sollen. Eine Prozessoptimierung, die an einer erschöpften Führungskraft vorbeigeht, hält sie langfristig für wenig tragfähig.
Für den Mittelstand ist dieser Blickwinkel deshalb relevant, weil Inhaber und Geschäftsführung dort häufig enger mit dem operativen Geschäft verflochten sind als in großen Konzernen mit breiterer Führungsebene. Fällt eine einzelne Person längere Zeit aus oder trifft dauerhaft überlastete Entscheidungen, wirkt sich das im Mittelstand oft unmittelbarer auf den gesamten Betrieb aus. Genau deshalb versteht Banh die Arbeit an der persönlichen Verfassung nicht als Zusatzangebot neben der eigentlichen Beratung, sondern als integralen Bestandteil, ohne den Struktur- und Prozessarbeit ihrer Erfahrung nach nur begrenzt wirken.
Drei typische Auslöser im Vergleich: Kündigungswellen, private Themen, Stagnation
Die drei Beispiele, die Banh selbst als Auslöser für Ungewissheit im Unternehmertum nennt, wirken auf den ersten Blick sehr unterschiedlich, folgen in ihrer Beratungspraxis aber einem ähnlichen Muster. Kündigungswellen treffen Unternehmer meist unvorbereitet und stellen die eigene Führungsrolle infrage: Habe ich die Bindung an das Team überschätzt, oder lag es an äußeren Umständen, die sich gar nicht beeinflussen ließen? Private Themen, die ins Unternehmen einfließen, etwa Trennungen, Krankheiten im Umfeld oder familiäre Konflikte, verschärfen die Situation zusätzlich, weil sie sich schwer von der unternehmerischen Rolle trennen lassen. Stagnation wiederum wirkt unspektakulärer, nagt nach Banhs Beobachtung aber besonders lange, weil sie sich nicht an einem einzelnen Ereignis festmachen lässt, sondern schleichend entsteht.
In allen drei Fällen rät Banh dazu, nicht sofort nach einer einzelnen Ursache oder einem einzelnen Schuldigen zu suchen, sondern zunächst die eigene Struktur und Verfassung zu überprüfen. Erst wenn diese Basis wieder stabil ist, lassen sich ihrer Erfahrung nach auch die konkreten betrieblichen Fragen, etwa Personalentscheidungen nach einer Kündigungswelle oder ein neuer strategischer Anlauf gegen Stagnation, mit der nötigen Klarheit angehen. Wer diesen Zwischenschritt überspringt und direkt in operative Maßnahmen springt, riskiert nach Banhs Beobachtung, dass die eigentliche Verunsicherung im Hintergrund bestehen bleibt und beim nächsten Auslöser erneut aufbricht.
Sicherheit als roter Faden: Was Banhs Arbeit im Kern ausmacht
Bei aller Unterschiedlichkeit der Situationen, Kündigungswellen, private Themen, Stagnation oder zwischenmenschliche Konflikte, verfolgt Banhs Arbeit ein durchgängiges Ziel: Unternehmer sollen aus der Zusammenarbeit heraus wieder Sicherheit gewinnen, statt mit neuen offenen Fragen zurückzubleiben. Das zeigt sich schon in der Art, wie sie den Beratungsprozess selbst beschreibt: Sie hält im Hintergrund Kontakt, behält das Unternehmen im Blick und sorgt dafür, dass sich niemand allein gelassen fühlt, während gleichzeitig Struktur und Klarheit zurückkehren. Ungewissheit im Unternehmertum wird dadurch nicht zusätzlich dramatisiert, sondern gezielt eingegrenzt, indem klare, nachvollziehbare Schritte an ihre Stelle treten.
Was Unternehmer aus Banhs Ansatz für den eigenen Alltag mitnehmen können
Aus den bisherigen vier Antworten lassen sich einige konkrete Ansatzpunkte ableiten, mit denen Unternehmer den Umgang mit Ungewissheit im Unternehmertum für sich selbst überprüfen können:
- Bei Konflikten im Team bewusst prüfen, ob gerade nach der Schuldfrage statt nach einer gemeinsamen Lösung gesucht wird.
- Kündigungswellen, private Belastungen oder Stagnation nicht isoliert betrachten, sondern als mögliche Auslöser für ein tieferliegendes Gefühl von Ungewissheit ernst nehmen.
- In Phasen hoher Unsicherheit nicht automatisch mit mehr Arbeit reagieren, sondern zuerst die eigene Struktur, insbesondere Schlaf und Erholung, überprüfen.
- Sich bewusst machen, dass Entscheidungsfähigkeit und Regeneration eng zusammenhängen, statt Erholung als nachrangig zu behandeln.
- Nach einer Kündigungswelle nicht sofort neue Stellen ausschreiben, sondern zuerst analysieren, ob strukturelle oder persönliche Ursachen dahinterstehen.
- Bei anhaltender Stagnation prüfen, ob tatsächlich die Strategie das Problem ist oder ob eigene Erschöpfung klare unternehmerische Entscheidungen verhindert.
Keiner dieser Punkte ersetzt laut Banh eine fundierte betriebswirtschaftliche Analyse, die weiterhin die Grundlage jeder Beratung bilde. Erst das Zusammenspiel aus klarer Struktur und der Bereitschaft, die eigene Verfassung ernst zu nehmen, mache aus einem angespannten Unternehmeralltag wieder einen handlungsfähigen, belastbaren Alltag.
Häufige Fragen zum Thema Ungewissheit im Unternehmertum
Was versteht Mey-Linh Banh unter Ungewissheit im Unternehmertum?
Eine paradoxe Situation, in der eigentlich Selbstvertrauen und Selbstannahme vorhanden sind, das Fundament aber ins Wanken gerät, sobald unplanbare Ereignisse wie Kündigungswellen, private Belastungen oder Stagnation hinzukommen.
Welche Konfliktsituation begegnet ihr in der Beratungspraxis am häufigsten?
Zwischenmenschliche Missverständnisse, die zunächst klein wirken, sich aber durch unterschiedliche Denk- und Handlungsweisen zu Eskalationen entwickeln können, häufig verstärkt durch eine verbissene Suche nach der Schuldfrage auf beiden Seiten.
Warum spielt Schlaf und Erholung in ihrer Unternehmensberatung eine Rolle?
Weil Entscheidungsfähigkeit und Geist ohne ausreichende Regeneration blockiert werden, was sich direkt auf unternehmerische Entscheidungen und den Umgang mit Unsicherheit auswirkt.
Was bedeutet „im Unternehmen nach dem Rechten sehen“ konkret?
Banh begleitet Unternehmen während der Erholungsphase der Führungskraft weiter, sodass der Kontakt zum Betrieb nicht abreißt und Führungskraft wie Team Sicherheit und ein stabiles Arbeitsklima behalten.
Verwandte Themen
- Weitere Expertenstimmen aus dem Mittelstand
- Selbstorganisation für Unternehmer
- Prozessoptimierung im Mittelstand
Dieses Interview bildet den ersten Teil eines Gesprächs mit Mey-Linh Banh. Zwei weitere Fragen, zur Grenze zwischen betriebswirtschaftlicher Beratung und persönlicher Lebensordnung sowie zu ihrem Rat bei Stagnation, die an etwas Tieferem liegt als an der Strategie, sind bereits gestellt und sollen in einem Folgebeitrag beantwortet werden.









